Lucie Vérot, MANGROVEN, Exposé_D

Lucie Vérot, MANGROVE, © 2019 Éditions Espaces 34, 34370 Les Matelles, France; Übersetzung des Theaterstückes aus dem Französischen ins Deutsche, MANGROVEN, © Wolfgang Barth,Bremen, 17. Mai 2020; FOTO: Depositphoto

Monsieur Gustel, ehemals Fremdenlegionär in Französisch-Guayana, jetzt eher Clochard, lebt vor einem heruntergekommenen Haus am Strand in der Nähe von Kourou. Das Meer dort wird immer mehr von den Mangroven verdrängt. Auf dem Balkon des Hauses mit Blick auf die Mangroven liegt Alban, vordem Ingenieur im Weltraumzentrum, in der Hängematte. Er spricht nicht mehr, hat seinen Namen und seine Kontodaten, die er Monsieur Gustel anvertraut hat, vergessen und möchte nur noch eines: nie mehr von seiner Hängematte aufstehen.

Seine regelmäßig auf der Bank in Kourou eintreffende Grundsicherung könnte drei Menschen beim Überleben helfen: Monsieur Gustel, der das Geld abhebt, ihm selbst, der kaum noch etwas braucht und von Monsieur Gustel versorgt wird, und Cécé, der jungen Frau aus Kourou, die dort in einer Strandkneipe bedient. Weil Monsieur Gustel den beschwerlichen Weg zur Bank wegen einer Fußverletzung nicht mehr schafft, soll sie gegen Beteiligung das Geld holen und Wasser und Versorgung zum Haus bringen. Vor  dem Hintergrund dieser Idee, deren Umsetzung nicht so einfach ist, weil wir uns in Französisch-Guayana befinden, entwickelt sich das Stück.

Dort nämlich, einem der Orte die „vielleicht nicht die ganze Welt widerspiegeln, aber doch Metaphern des Lebens oder eines seiner Aspekte sind […]“ (Bernard-Marie Koltès), löst in der Hitze bei so manchem Fremden jeder Atemzug das Gefühl aus, ein lauwarmes Glas Wasser zu schlucken. Nach Auffassung mancher Personen im Stück sind die Mangroven die Körper all der unbestatteten Toten, die die Erde nicht mehr aufnehmen kann und wieder absondert: Die Ureinwohner, die umgekommenen Weißen, die Waldvölker der geflohenen Sklaven (Bushinenge), die Verstorbenen des „Bagne“, der französischen Strafkolonien, und die der zahllosen Flüchtlinge unserer Zeit.

Dort trifft das Völkergemisch der Einheimischen auf die „Métros“, die aus dem französischen Mutterland (la France „métropolitaine“) kommen, nach spätestens zwei Jahren in der Regel wieder verschwinden oder manchmal verrückt werden, und die jungen Söldner der Fremdenlegion, deren Mehrzahl in der Elitetruppe dient, um Franzose zu werden oder vergangene Straftaten auszulöschen.

Karine (Ingenieurin, Métro) verbringt mit Malaï (einheimische Ingenieurin) eine erotisierte Alkoholnacht vor Cécés Kneipe. Der einheimische Aimé lässt sich von seinem Kameraden Rémi (von irgendwo)  den Arm brechen, gesteht, warum er sich verdingt hat, und erklärt den absurden Kreislauf seines Lebens. Éveline (Métro) verlässt das Land wieder, nachdem der Dschungel bis in ihr Fotolabor gedrungen ist und all ihre Tierbilder grün verschimmeln ließ. Die Chinesin erzählt als aufgebahrte Leiche die unglaubliche Odyssee ihres Lebens, und an ihrem Totenbett und auch später noch lernt Thomas, der junge Métro, von seiner Geliebten Cécé unter anderem den Umgang mit den Toten.

Cécé und Monsieur Gustel aber sind von besonderer Sorte. Von Cécé kann man lernen, was es heißt, liebevoll und voller Verständnis und Empathie auch auf schwierige Menschen (neben dem alten Legionär z. B. auch Karine und Malaï) einzugehen, dennoch Sichtweisen nicht ungeprüft zu übernehmen, der eigenen Identität treu zu bleiben und geschickt und beharrlich die eigenen Ziele (z. B. eine Motorradreise mit Thomas nach Brasilien und Argentinien und überhaupt das eigene, vitale Leben) im Auge zu behalten. Das Urgestein Monsieur Gustel (kein „richtiger“ Métro, weil er als Legionär ohne irgendwelche Erwartungen ins Land kam und blieb) redet nicht mehr mit Menschen, die nicht glauben, was er sagt, und ihn den „Aasgeier“ nennen. Auch er bleibt sich treu, aber sein Plan scheitert: Zum Schluss muss er Alban wieder in die Mangroven schleppen, wo er ihn aufgelesen hat.

W. Barth, 18.05.2020

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