Exposé: Lucie Depauw, JOHN DOE (I need a hero)

Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche des Theaterstückes von Lucie Depauw, John Doe (I need a hero), © Lucie Depauw, szenische Lesung am 20.10.2017 beim „Festival du Jamais lu“ in Paris; Lucie Depauw, John Doe (I need a hero), Wolfgang Barth, 01.12.2017; EXPOSÉ, 05.12.2018
Exposé: Lucie Depauw, JOHN DOE (I need a hero)
Die „Panama Papers“ sind ein fester Begriff in unserem Sprachgebrauch. Jeder weiß, worum es dabei im Wesentlichen geht, die Enthüllungen haben Finanzwelt und die Politik folgenreich erschüttert und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Was aber weiß man von den Whistleblowern, die solche Prozesse auslösen, von ihrem persönlichen Erleben und ihren Konflikten?

Der Titel des Stückes JOHN DOE (I need a hero) deutet schon an, worum es der Autorin geht. Sie zeigt uns die Aktion eines Whistleblowers aus einer ganz persönlichen Sicht. Seine Ehe befindet sich in der Krise. Das romantische Verliebtsein ist vorbei und nach der Geburt des Kindes scheint die Ehefrau an der immensen Last des Alltages, der Isolation im gewollten Eigenheim, der Eintönigkeit der täglichen Verrichtungen zu zerbrechen. Ihr Mann soll sie retten, ihr Arbeit abnehmen, sie erlösen und das Glück zurückbringen. Dieser teilt diese Sehnsucht, ist aber nicht in der Lage, nach dem zermürbenden Arbeitstag bei seiner Agentur in Luxemburg und der langen Autofahrt zurück ins traute Heim, wo er selbst Ruhe finden will, den Erwartungen zu entsprechen. Die Tatsache, dass er plötzlich in eine Sache gerät, die seine ganze Energie fesselt, verschlimmert die Lage.

Es stellt sich heraus, dass der Protagonist durch seine Enthüllungen auch materiell die Existenz der Familie gefährdet. Der endgültige Bruch scheint unausweichlich. Die Wende erfolgt, als klar wird, dass der Ehemann durch seine Entscheidung, seinen Mut und seine Entschlossenheit, das Unmögliche zu wagen, den Helden verkörpert, nach dem sie sich immer gesehnt hat. Sie stellt sich auf seine Seite. Es bleibt ungewiss, wie die Sache vor Gericht ausgehen wird. Das aber ist für die beiden nun von zweitrangiger Bedeutung, weil sie wie in einer Katharsis durch die Erschütterungen in der Folge der Enthüllungen wieder zu sich selbst gefunden haben.

Lucie Depauw macht klar, dass es bei dieser Fiktion nicht nur um die persönlichen Angelegenheiten eines isolierten Paares geht. Das Stück erhebt universellen Anspruch: Die Aktionen der Whistleblower führen in der Realität zu neuen Gesetzesvorstößen in Frankreich, die Eingang in den Theatertext finden, und „JOHN DOE“ ist Jedermann, der sich den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen um den Preis seiner Integrität und seines Glückes stellen muss.

Wolfgang Barth, 5.12.2018

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