Catherine Benhamou, ROMANZE

Catherine Benhamou, ROMANCE, Éditions KOINE 2019; Übersetzung des Theaterstücks aus dem Französischen ins Deutsche, ROMANZE, © Wolfgang Barth, 20.11.2020   Exposé: Übersetzung aus dem Französischen: Wolfgang Barth
Catherine Benhamou, https://www.artcena.fr/actualites/vie-professionnelle/catherine-benhamou-et-sophie-merceron-laureates-des-grands-prix-2020

Das Stück

Klappentext der französischen KOINE-Ausgabe:

Jasmine ist ein 16-jähriges Mädchen, das in einer Cité am Rande einer Kleinstadt in Südfrankreich lebt. Sie hat in der Schule massive Probleme und träumt davon, dass sich etwas bewegt. Sie möchte die Stadt verlassen und der Anonymität und Unsichtbarkeit, auf die sie sich reduziert fühlt, entkommen. Im Internet findet sie in der Person eines jungen Mannes, der in einer Kleinstadt im Norden Frankreichs lebt, die Antwort auf ihre Sehnsucht und ein Echo ihrer Wut. Was sie für Liebe hält, wird den virtuellen Raum verlassen und in ihr reales Leben treten. Er steht in der Gefährder-Akte S, und mit ihm wird ihr geheimer Traum zu einem echten Projekt. Imène wendet sich an Jasmines Mutter und versucht, das Abtriften ihrer Freundin zu verstehen. In Imènes Monolog finden sich Stimmen von Jasmine, anderer Schüler und des Referenten, der die Schüler*innen einen Fragebogen zum Selbstmord bei Jugendlichen ausfüllen lässt.

Text der Autorin aus Anlass der Übersetzung des Stückes ins Deutsche:

Ein poetischer Text mit  politischer Aussage über das Abdriften von Jasmine , eines 16-jährigen Mädchens, das davon träumt, etwas zu bewegen, der Unsichtbarkeit zu entkommen.

Als ich Romanze schrieb, wollte ich die Komplexität eines Radikalisierungsprozesses bei einem 16-jährigen Mädchen aufzeigen. Zeigen, wie leicht es ist, in Fallen zu geraten, die falschen Träume zu träumen, sich in Wörtern zu irren.

Nach Albert Camus trägt das falsche Benennen der Dinge wahrscheinlich zum Elend der Welt bei, es kann aber auch dazu führen, dass man wie Jasmine direkt in eine Wand fährt. Ich wollte die Vielschichtigkeit einer Liebesbeziehung zeigen, die man nicht wirklich wollte oder nur, solange sie nicht real war, auch hier wiederum, weil man die Worte falsch verstand – man nannte Liebe , was Faszination, Erstaunen oder sogar Angst war. Und ich wollte zeigen, wie es geschehen kann, dass man nicht merkt, dass ein Freund oder eine Freundin in Schwierigkeiten steckt, dass er oder sie in eine Falle geraten ist.

Jasmine glaubt, durch ihren Anschlag auf den Eiffelturm die Realität zu verändern. Sie will, dass die Welt sich auf ihre Seite neigt wie der Eiffelturm, dass sich etwas bewegt, dass die Dinge nicht so bleiben, wie sie ohne ihr Zutun ein für alle Mal im Voraus festgelegt scheinen. Sie möchte Zugriff auf die Dinge und auf das Leben. Sie hat nicht verstanden, dass nur die Worte ihr diesen Zugriff, diese Macht geben können.

Imène, ihre Freundin, spricht, und sie wird Worte finden, um selbst zu verstehen und uns verstehen zu helfen, wie sich aus einer absurden Idee die Spirale der Gewalt entwickeln konnte.

Catherine Benhamou, Paris, 19.11.2020

Die Autorin

Catherine Benhamou hat am Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique de Paris (CNSAD) studiert. Ihre Karriere als Schauspielerin führte sie zum Schreiben.

Hors jeu [Abseits] und Ana ou la jeune fille intelligente [Ana oder das schlaue Mädchen] wurden im Verlag des femmes-Antoinette Fouque und Romance [Romanze] bei Koiné veröffentlicht.

Für Romance wurde ihr 2020 der Große Preis für dramatische LiteraturARTCENA verliehen [Centre national des arts du cirque, de la rue et du théâtre – Nationales Zentrum der Künste des Zirkus, der Straßenkunst und des Theaters].

2017 kam sie mit Ana ou la jeune fille intelligente in die Endauswahl des Großen Preises für dramatische LiteraturARTCENA . Au-delà  [Jenseits] wurde mit dem Stipendium der Aide à la Création Dramatique des ARTCENA gefördert. Romance ist auch Preisträger des Prix PlatO des écritures théâtrales jeunesse 2019 [Stücke für junges Publikum]. Ihre Texte wurden von mehreren Lesekomitees ausgewählt (TNS, Mousson d’été, Comédie Française, Festival Lyncéus, EAT, France-Culture).

Catherine Benhamou schreibt Auftragsstücke für Theater (Théâtre National de Strasbourg, Théâtre du Pélican, collectif A vif) und hat Stipendien für mehrere Schreibresidenzen bekommen (La Chartreuse-Centre National des écritures du Spectacle, Bibliothèque Armand Gattti-La Seyne-sur-mer, Théâtre du Pélican-scène conventionnée).

Mehrere ihrer Stücke wurden von Nationaltheatern oder privaten Theatern inszeniert: La douce Léna [Die sanfte Lena] (nach Gertrude Stein), Nina et les managers [Nina und die Manager] (Stück über ein Unternehmen), Ana ou la jeune fille intelligente (Stück über die Emanzipation einer Analphabetin) Hors jeu (nach Endspiel von Beckett) und Au-delà (über den Terrorismus), vorgesehene Uraufführung 2021.

2019 bekam sie ein Stipendium des Centre National du Livre für La mélodie sans les paroles [Melodie ohne Text] inspiriert durch das Leben der Dichterin Emily Dickinson. Sie leitet Schreibwerkstätten, insbesondere am Théâtre National de la Colline und an der Universität Paris III-Sorbonne im Rahmen der Licence Professionnelle.

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