Exposé: Yannis Tsiros, WILDKRAUT

Γιάννης Τσίρος, ΑΓΡΙΟΣ ΣΠΟΡΟΣ [Yiannis Tsiros, AGRIOS SPOROS],Athen2013; Übersetzung ins Französische GRAINE SAUVAGE, Cécile Inglessis Margellos, Maison d’Europe et d’Orient 2015, ISBN 978-2-915037-91-3; Übersetzung ins Deutsche: WILDKRAUT © Wolfgang Barth, Bremen, www.vieuxloup.de, und Greg Liakopoulos, Berlin, 4. Februar 2018; EXPOSÉ 
Theaterplakat einer Aufführung
https://fermouart.gr/2016/12/25/agrios-sporos-sto-theatro-epi-kolono/
Exposé: Yannis Tsiros, WILDKRAUT [AGRIOS SPOROS]
Stàvros, Schweinezüchter und mit seiner Tochter Haroùla Betreiber einer Imbissbude mit Holzkohlegrill in einer Strohhütte auf einem griechischen Strand, kommt in Verdacht, den verschwundenen jungen Deutschen Wolfgang, dessen Eltern angereist sind, umgebracht zu haben. Die Ermittlungen leitet der ebenfalls eingeflogene deutsche Spezialist Hermann mit Unterstützung der griechischen Polizei (Tàkis). Am Ende kann Stàvros keine Schuld nachgewiesen werden, seine Existenz aber ist zerstört.

Das Stück trägt klassische Züge. Eine Zeit: der Verlauf eines Tages, ein Ort: der Strand, eine Handlung: die Vernichtung der Imbissbude und die Demontage des Stàvros. Es kommt mit den drei griechischen Personen aus. Den Rest der immer rasanteren Handlung und deren treibende Elemente erfahren wir über die Dialoge und die Teichoskopie. Besonders Hermann, der omnipotente Spezialermittler, ist nie zu sehen, aber alleine schon über die Beschreibung seines Blickes, die das Blut in den Adern gefrieren lässt, allgegenwärtig. Bedeutungen erschließen sich über solche Symbole, zum Beispiel auch, wenn Stàvros gezwungen wird vorzuspielen, wie er ein Schwein tötet. Die Katastrophe, die sich auf dem Strand abspielt, führt zu einer Katharsis. Allerdings mag sie je nach Zugehörigkeit des Betrachters zu einer der Konfliktseiten verschieden ausfallen.

Das Gesamtgefüge der Aussage zeigt auf der einen Seite Stàvros (den Griechen) mit Haroùla, seine (manchmal auch fehlerhafte) Weisheit und seine Werte, die zerstört werden; auf der anderen Seite Hermann (den Deutschen), der für die Eltern, den Stahlwerkbesitzer und seine Ehefrau, wie eine unbeirrbare und effektive Maschine ermittelt. Dazwischen den Polizisten Tàkis, den Stàvros als Kind auf seinem Schoß hielt und der ihm alles verdankt, der jetzt aber als fleißiger Erfüllungsgehilfe an der Demontage des Freundes arbeitet und sich mehr und mehr auf die Seite der Feinde im Dorf und der holländischen, österreichischen und französischen Touristen stellt, die Stàvros ohnehin los werden wollen.

Schnell wird deutlich, dass es nicht nur um eine Grillbude geht. Tàkis stellt klar: „Die Larifarizeit ist vorbei. Für dieses Land gehört alles, was früher war, der Vergangenheit an. Du gehörst auch zur Vergangenheit.“ Es geht um eine Auseinandersetzung europäischer, globaler Dimension, um das Aufeinanderprallen neoliberaler Marktanforderungen mit dem verzweifelten Überlebenswillen der Verlierer. Ein wesentliches Element ist dabei das Verhältnis Griechenland  ̶  Deutschland.

Das Stück verfällt jedoch nicht in Schwarz-Weiß-Malerei. Der andere Deutsche, der verschwundene Wolfgang, hält seine Familie und sein Land nicht mehr aus und will einfach nur entkommen. Und ganz zum Schluss erst, als Wolfgang bereits auf einem spanischen Strand vermutet wird, enthüllt Haroùla, dass den wirklichen Kern der Vorgänge eine romantische deutsch-griechische Liebesgeschichte bildet. Die aufgefundene Mundharmonika muss anders erklärt werden, als von den Ermittlern vermutet. Und Stàvros sagt über Wolfgang: „Zum Schluss ist er mir richtig sympathisch geworden, der Idiot… Auch wenn er unser Leben in die Tonne gehauen hat.“

Das Vorwort zur französischen Übersetzung des Stückes legt dar: „Ein strahlender Postkartensommer entwickelt sich zu einem düsteren Drama, in dem der Zusammenprall der Kulturen, die Unbeugsamkeit, der Groll, das Unverständnis und die Intoleranz zur absoluten Demütigung führen. Der Schweinehirt Stàvros ist der Karagiozis des griechischen Schattentheaters […]. Er ist […] der unglückliche Held einer neuen griechischen Tragödie.“ [a.a.O., S. 711; Übers. W.B.]

Für diesen Helden ist die Niederlage aber nicht endgültig. Er sieht sich aufgehoben in der Aussage des Liedes vom Wildkraut, dessen Samen man nicht vernichten kann und das dem Stück den Namen gibt. Man kann es immer wieder ausreißen, auf Dauer aber ist es nicht zu besiegen.

Das Stück wird seit der Uraufführung 2013 in Athen an griechischen Bühnen häufig gespielt und kann als Volksstück im besten Sinne gelten.

Wolfgang Barth, 11.12.2018

Porträt: Yannis Tsiros

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