FERMEZ LES THÉÂTRES

« Je l’ai dit à une autre époque et dans une occasion pareille, et permettez-moi de le redire : Les théâtres fermés, c’est le drapeau noir déployé.

Eh bien, je voudrais que vous, vous les représentants de Paris, vous vinssiez dire à cette portion de la majorité qui vous inquiète : Osez déployer ce drapeau noir ! osez abandonner les théâtres ! Mais, sachez-le bien, qui laisse fermer les théâtres fait fermer les boutiques ! Sachez-le bien, qui laisse fermer les théâtres de Paris, fait une chose que nos plus redoutables années n’ont pas faite ; que l’invasion n’a pas faite, que quatre-vingt-treize n’a pas faite ! Qui ferme les théâtres de Paris éteint le feu qui éclaire, pour ne plus laisser resplendir que le feu qui incendie ! Osez prendre cette responsabilité ! »

Victor Hugo –  Secours aux théâtres – 17 juillet 1848 ; cité par Laurent Maindon https://www.facebook.com/laurent.maindon , 20.10.2020, qui spécifie : « Merci Agnes De Graaff pour cette citation. »

SCHLIESSEN SIE DIE THEATER

„Ich habe es früher aus ähnlichem Anlass schon einmal gesagt und erlauben Sie mir, dass ich es noch einmal sage: Die Theater schließen heißt die schwarze Fahne hissen.

Nun, ich möchte sehen, wie Sie, die Vertreter der Stadt Paris, jetzt dem Teil der Mehrheit, den Sie fürchten, sagen: Wagt es, diese schwarze Fahne zu hissen! Wagt es, die Theater zu schließen! Denn Sie müssen wissen: Wer zulässt, dass die Theater schließen, lässt die Läden schließen! Sie müssen wissen: Wer zulässt, dass die Pariser Theater schließen, lässt etwas zu, was unsere fürchterlichsten Jahre nicht vermochten; was die Invasion nicht vermochte, was Dreiundneunzig nicht vermochte! Wer die Pariser Theater schließt, löscht das Feuer, das Licht erzeugt, und lässt nur das Feuer lodern, das niederbrennt. Wagen Sie es, diese Verantwortung zu übernehmen!“

Victor Hugo – Hilfe für die Theater – 17. Juli 1848 ; zit. nach Laurent Maindon, 20.10.2020, https://www.facebook.com/laurent.maindon, der hinzufügt : „Danke für dieses Zitat, Agnes de Graaff.“ Übersetzung © Wolfgang Barth

Exposé: Christian Bach und Marie-Pierre Cattino, LEAS BRUDER

Marie-Pierre Cattino und Christian Bach, LE FRÈRE DE LÉA, Editions Koinè, Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche : LEAS BRUDER, © Nicole Desjardins, Paris, und Wolfgang Barth, Bremen, 25. Mai 2020

Christian Bach, Marie-Pierre Cattino, LEAS BRUDER [LE FRÈRE DE LÉA]

Marie-Pierre Cattino und Christian schreiben zur Erläuterung der Reihe: „[Sie] richtet sich besonders an Schüler*innen der Sekundarstufe I aller Schularten. Wesentlich bei allen Stücken sind die Passagen des Chores.

Ziel ist es, Lehrer*innen und Kursleiter*innen Texte vorzulegen, auf die sie gemeinsam mit den Schüler*innen zugreifen können um Rollen zu erarbeiten, die sich je nach Bedarf an den Bedürfnissen und Wünschen der Schüler*innen orientieren. Die Chorpassagen bieten also Rollen zur Gestaltung an, legen sie aber nicht fest.

Auf diese Weise ist es möglich, Texte auf unterschiedliche Zielgruppen auszurichten: Klassen mit 25 oder mehr Schüler*innen in der Schule, in anderen Zusammenhängen Arbeitsgruppen mit weniger Teilnehmer*innen und immer auch bestimmt durch die Geschlechterverteilung. Es wird bewusst nicht zu viel Text vorgelegt, damit eine Begrenzung auf sechs bis zehn Sitzungen pro Kurssequenz möglich ist, die es auch externen Schauspieler*innen erlaubt, eine überschaubare Zeit mit der Klasse zu arbeiten. Im Stil bleiben die Texte offen, vermeiden durchformulierten Fließtext und stellen so für Lehrer*innen ein Angebot zum Unterricht in kreativem Schreiben dar.

Wenn sich bei diesem Prozess eine ganz neue Rolle abzeichnet, ist dies nicht unerwünscht. Man wird in der Regel davon ausgehen können, dass Schüler*innen der Gruppe sie gerne weiterentwickeln (oft fühlen sich Freiwillige von einer solchen Herausforderung angesprochen), aber es sollten nicht zu viele sein.“

Das erste Stück, LEAS BRUDER, behandelt in einem nicht ungewohnten Kontext (eine neue Schülerin, Jasmine, kommt in die Klasse) einen brisanten Fall: Beinahe nur Lea spricht mit der Neuen. Aber mit Lea selbst sprechen ebenfalls nur wenige Schüler*innen: Ihr großer Bruder hat eine Geschlechtsumwandlung vom Mädchen zum Jungen hinter sich. Dies ist für viele willkommener Anlass, Lea nicht nur zu meiden, sondern ihr das Leben schwer zu machen. Jasmine wird mit in den Strudel gerissen. Die Freundschaft der beiden Mädchen wird auf eine harte Probe gestellt.

Das Stück bietet den Schüler*innen die Möglichkeit, sich bei der Erarbeitung der Rollen zu positionieren. Nicht alle Mitschüler*innen stellen sich gegen Lea und Jasmine. Die Auseinandersetzung verläuft dynamisch und führt dazu, dass Jasmine, die zwischenzeitlich in Depression verfällt und nicht mehr zur Schule kommt, sich mit Lea der Situation stellt und wieder der Zukunft zuwendet. Diese wird den Bruder nicht ausschließen. Die beiden sind sich sicher, dass die Mitschüler*innen einen Lernprozess durchlaufen und die neue Identität des Bruders akzeptieren werden.

Zur Bewältigung der Lage trägt bei, dass Jasmine die Besonderheit des Bruders von ihrer bedingungslosen Zuneigung zu Lea trennt, die diese sich erworben hat, weil sie Jasmine von Anfang an freundlich aufnahm und sich menschlich verhielt. Aber auch die Identität des Bruders selbst stellt keinerlei Problem dar. Zu diesem Schluss können auch die Schüler*innen kommen, wenn sie sich im Stück mit dem Fall des Bruders und seiner Familie auseinandersetzen.

Nicole Desjardins, Wolfgang Barth, 26. Mai 2020

Eigene Texte

Übersetzungen

Portrait (F): Lucie Vérot

Photo: Juliette Angotti

Née en 1988 à Saint-Étienne, Lucie Vérot est écrivaine, diplômée de l’ENSATT – section Écrivain dramaturge – en 2017.

Marquée par un premier séjour en Guyane, elle mène à l’ENSATT un chantier d’écriture et de recherche au sujet de cette région et écrit notamment Mangrove, sa première pièce publiée (Éditions Espaces 34).  

Deux de ses textes principalement destinés aux adolescents ont été créés à la Comédie de Valence : Le Gène de l’orchidée, mis en scène en 2014 par Luc Chareyron, et Prouve-le, mis en scène en 2016 par Maïanne Barthès, qui a également créé son texte Antigone faille zero day en 2018. Elle collabore actuellement avec le Saint-Denis Jazz Club en tant qu’autrice du livret de L’Opéra vert, composé par Emmanuel Bex. Elle travaille avec différentes compagnies dans le cadre de commandes de textes, pour la scène et l’espace publique.

En tant que dramaturge, elle a travaillé à Kourou (Guyane) avec la compagnie Le Théâtre de l’Entonnoir.

 

MANGROVE

Écrite entre 2016 et 2018, Mangrove est parue en novembre 2019 aux Éditions Espaces 34.

Distinctions :

  • Pièce remarquée du Comité francophone Eurodram en 2020
  • Pièce lauréate du Prix Hypolipo 2019 (Maison des Écritures et des Écritures Transmédias).
  • Sélection tout public du comité de lecture des Écrivains Associés du Théâtre en 2019.
  • Pièce « coup de cœur » du comité de lecture du Théâtre de la Tête noire en 2019.
  • Aide à la création d’Artcena en 2018, au titre des Encouragements.
  • Pièce remarquée par le Comité de lecture de 3ème Bureau à Grenoble en 2018.

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exposé Mangrove

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Portrait (D): Lucie Vérot

Photo: Juliette Angotti

Schriftstellerin, geb. 1988 in Saint-Étienne, Frankreich, Theaterdiplom ENSATT [1] (Sektion Theaterschriftsteller*in ) 2017.

Geprägt von einem ersten Aufenthalt in Französisch-Guayana, leitet sie an der ENSATT ein Schreib- und Forschungsatelier über dieses Land und verfasst insbesondere Mangrove, ihr erstes veröffentlichtes Theaterstück  (Éditions Espaces 34).  

Zwei ihrer Stücke hauptsächlich für junges Publikum wurden von der Comédie de Valence auf die Bühne gebracht: Le Gène de l’orchidée unter der Leitung von Luc Chareyron 2014 und Prouve-le unter der Leitung von Maïanne Barthès 2016, die 2018 auch ihr Stück Antigone faille zero day inszenierte. Als Autorin des Librettos für die Oper L’Opéra vert, Musik Emmanuel Bex, arbeitet sie zurzeit zusammen mit dem Saint-Denis Jazz Club. Sie schreibt Auftragsstücke für verschiedene Theater und den öffentlichen Raum.

Sie war als Hausautorin in Kourou (Französisch-Guayana) am Théâtre de l’Entonnoir  tätig.

MANGROVE

Verfasst von 2016 bis 2018, veröffentlicht  2019 im Verlag  Éditions Espaces 34.

Auszeichnungen :

  • Empfehlungsliste des französischsprachigen Komitees Eurodram 2020
  • Hypolipo-Preis 2019 (Maison des Écritures et des Écritures Transmédias, M.E.E.T.)
  • Auswahlstück des Lesekomitees der Écrivains Associés du Théâtre (E.A.T.) 2019
  • Auswahlstück „Coup de cœur“ [Lieblingsstück] des Lesekomitees des Theaters Théâtre de la Tête noire 2019
  • Förderpreis Artcena [2] 2018
  • Empfehlungsliste des 3ème Bureau in Grenoble 2018.

Aufführungen :

  • Szenische Lesung unter der Leitung von Véronique Bellegarde beim Festival Text’avril im Théâtre de La Tête noire im April 2019.
  • Szenische Lesung unter der Leitung von Élie Salleron im Rahmen der Mardis midis du Théâtre 13 im Oktober 2019. 

[1] École Nationale Supérieure des Arts et Techniques du Théâtre, eine der elf staatlichen Théaterhochschulen in Frankreich

[2]  Centre national des arts du cirque, de la rue et du théâtre

Exposé Mangroven

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Lucie Vérot, MANGROVE [MANGROVEN], Exposé_F

Lucie Vérot, MANGROVE, © 2019 Éditions Espaces 34, 34370 Les Matelles, France; traduction de la pièce de théâtre du français vers L'allemand, MANGROVEN,  © Wolfgang Barth, Bremen, 17 mai 2020; PHOTO: Depositphoto

Monsieur Gustel, ancien légionnaire clochardisé, s’est installé devant une maison délabrée sur la plage près de Kourou. À cet endroit, la mangrove a repoussé très loin l’océan. Sur le balcon de la maison dont la vue donne sur la mangrove, il y a Alban, allongé dans un hamac. Il ne parle plus, a oublié son nom et confié ses codes bancaires à Monsieur Gustel. Il ne veut plus qu’une seule chose : ne plus jamais quitter son hamac.

Le minimum versé par l’État qui arrive tous les mois sur son compte en banque à Kourou pourrait aider à survivre trois personnes: lui-même qui n’a plus besoin de grand-chose, Monsieur Gustel qui s’occupe de lui et va chercher l’argent, et Cécé, la jeune femme de Kourou, serveuse au bar de la plage. Etant donné que Monsieur Gustel s’est blessé au pied et ne peut plus effectuer le long et pénible trajet, il est question que ce soit Cécé qui, contre une commission, aille chercher le pécule à la banque et s’occupe du ravitaillement. C’est avec cette idée comme toile de fond que se nouera la trame de la pièce, non sans complications car nous sommes en Guyane et les choses s’y déroulent différemment.

La région fait partie de ces « lieux qui sont, je ne dis pas des reproductions du monde entier, mais des sortes de métaphores de la vie ou d’un aspect de la vie » (Bernard-Marie Koltès). Les gens venus d’ailleurs peuvent avoir « la sensation d’avaler un verre d’eau tiède à chaque gorgée d’air.» Selon certains personnages de la pièce, les mangroves se composent des corps de tous ces morts sans sépulture, que la terre n’est plus capable d‘accueillir: « D’abord les peuples des forêts, ceux qui étaient là avant tout le monde. Les premiers Blancs, qui les ont tués, mais qui ont pas survécu non plus. Puis les esclaves amenés. Puis les bagnards quand la France a dû trouver d’autres esclaves. Et aujourd’hui tous ceux qui arrivent comme ils peuvent par les frontières [et qui] parfois […] arrivent déjà morts. »

Là-bas, la population multiethnique croise les „Métros“, qui souvent arrivent de la France métropolitaine pour chercher un ailleurs, repartent au plus tard un ou deux ans après ou parfois deviennent dingues. Et il y a la Légion étrangère dont les jeunes volontaires se sont, en général, engagés pour obtenir des papiers français ou faire blanchir leur casier judiciaire.

Sur la plage devant le bar où travaille Cécé, Karine (ingénieure, Métro) passe une nuit bien arrosée et érotisée avec MalaÏ (ingénieure de Guyane). Aimé (jeune légionnaire guyanais) demande à son camarade Rémi (venu d’ailleurs) de lui casser le bras, dévoile la vraie raison de son engagement et explique le cycle absurde de son existence. Éveline (Métro) quitte le pays et repart chez elle : la jungle l’a suivie jusque dans son laboratoire photo argentique à la cave et a couvert tous ces tirages grand format (uniquement des animaux endormis) par une moisissure verte. La Chinoise, sur son lit de la chambre mortuaire, nous raconte l’odyssée incroyable de sa vie. À la fin de la veillée (et, plus tard, encore) Thomas, jeune Métro, est initié par son amie Cécé à des relations d’un type différent avec les morts.

Cécé et Monsieur Gustel sont d’une toute autre autre trempe. Cécé nous montre comment aborder des gens différents et plutôt compliqués (le vieux légionnaire et aussi Karine et Malaï) avec compréhension, empathie et même amour sans pour autant faire siennes les visions du monde d’autrui sans examen préalable, et rester fidèle à son identité sans perdre de vue ses propres objectifs (en particulier, par exemple partir en moto au Brésil et en Argentine avec son amoureux Thomas et, en général, vivre sa vie avec force, optimisme et élan). Et l’inébranlable Monsieur Gustel (qui, d’après Cécé, n’a pas la maladie des Métros ce qui, pour Monsieur Gustel, tient au fait qu’il est venu – et resté – en tant que légionnaire, sans attentes et sans rêves) ne parle plus aux gens qui ne croient pas ce qu’il dit et l’appellent « le charognard ». Lui aussi reste fidèle à lui-même, mais son idée échoue: à la fin, il faut qu’il traîne Alban jusque dans la mangrove dans laquelle il l’avait ramassé.

W. Barth, 18 mai 2020

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Portrait Lucie Vérot

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Lucie Vérot, MANGROVEN, Exposé_D

Lucie Vérot, MANGROVE, © 2019 Éditions Espaces 34, 34370 Les Matelles, France; Übersetzung des Theaterstückes aus dem Französischen ins Deutsche, MANGROVEN, © Wolfgang Barth,Bremen, 17. Mai 2020; FOTO: Depositphoto

Monsieur Gustel, ehemals Fremdenlegionär in Französisch-Guayana, jetzt eher Clochard, lebt vor einem heruntergekommenen Haus am Strand in der Nähe von Kourou. Das Meer dort wird immer mehr von den Mangroven verdrängt. Auf dem Balkon des Hauses mit Blick auf die Mangroven liegt Alban, vordem Ingenieur im Weltraumzentrum, in der Hängematte. Er spricht nicht mehr, hat seinen Namen und seine Kontodaten, die er Monsieur Gustel anvertraut hat, vergessen und möchte nur noch eines: nie mehr von seiner Hängematte aufstehen.

Seine regelmäßig auf der Bank in Kourou eintreffende Grundsicherung könnte drei Menschen beim Überleben helfen: Monsieur Gustel, der das Geld abhebt, ihm selbst, der kaum noch etwas braucht und von Monsieur Gustel versorgt wird, und Cécé, der jungen Frau aus Kourou, die dort in einer Strandkneipe bedient. Weil Monsieur Gustel den beschwerlichen Weg zur Bank wegen einer Fußverletzung nicht mehr schafft, soll sie gegen Beteiligung das Geld holen und Wasser und Versorgung zum Haus bringen. Vor  dem Hintergrund dieser Idee, deren Umsetzung nicht so einfach ist, weil wir uns in Französisch-Guayana befinden, entwickelt sich das Stück.

Dort nämlich, einem der Orte die „vielleicht nicht die ganze Welt widerspiegeln, aber doch Metaphern des Lebens oder eines seiner Aspekte sind […]“ (Bernard-Marie Koltès), löst in der Hitze bei so manchem Fremden jeder Atemzug das Gefühl aus, ein lauwarmes Glas Wasser zu schlucken. Nach Auffassung mancher Personen im Stück sind die Mangroven die Körper all der unbestatteten Toten, die die Erde nicht mehr aufnehmen kann und wieder absondert: Die Ureinwohner, die umgekommenen Weißen, die Waldvölker der geflohenen Sklaven (Bushinenge), die Verstorbenen des „Bagne“, der französischen Strafkolonien, und die der zahllosen Flüchtlinge unserer Zeit.

Dort trifft das Völkergemisch der Einheimischen auf die „Métros“, die aus dem französischen Mutterland (la France „métropolitaine“) kommen, nach spätestens zwei Jahren in der Regel wieder verschwinden oder manchmal verrückt werden, und die jungen Söldner der Fremdenlegion, deren Mehrzahl in der Elitetruppe dient, um Franzose zu werden oder vergangene Straftaten auszulöschen.

Karine (Ingenieurin, Métro) verbringt mit Malaï (einheimische Ingenieurin) eine erotisierte Alkoholnacht vor Cécés Kneipe. Der einheimische Aimé lässt sich von seinem Kameraden Rémi (von irgendwo)  den Arm brechen, gesteht, warum er sich verdingt hat, und erklärt den absurden Kreislauf seines Lebens. Éveline (Métro) verlässt das Land wieder, nachdem der Dschungel bis in ihr Fotolabor gedrungen ist und all ihre Tierbilder grün verschimmeln ließ. Die Chinesin erzählt als aufgebahrte Leiche die unglaubliche Odyssee ihres Lebens, und an ihrem Totenbett und auch später noch lernt Thomas, der junge Métro, von seiner Geliebten Cécé unter anderem den Umgang mit den Toten.

Cécé und Monsieur Gustel aber sind von besonderer Sorte. Von Cécé kann man lernen, was es heißt, liebevoll und voller Verständnis und Empathie auch auf schwierige Menschen (neben dem alten Legionär z. B. auch Karine und Malaï) einzugehen, dennoch Sichtweisen nicht ungeprüft zu übernehmen, der eigenen Identität treu zu bleiben und geschickt und beharrlich die eigenen Ziele (z. B. eine Motorradreise mit Thomas nach Brasilien und Argentinien und überhaupt das eigene, vitale Leben) im Auge zu behalten. Das Urgestein Monsieur Gustel (kein „richtiger“ Métro, weil er als Legionär ohne irgendwelche Erwartungen ins Land kam und blieb) redet nicht mehr mit Menschen, die nicht glauben, was er sagt, und ihn den „Aasgeier“ nennen. Auch er bleibt sich treu, aber sein Plan scheitert: Zum Schluss muss er Alban wieder in die Mangroven schleppen, wo er ihn aufgelesen hat.

W. Barth, 18.05.2020

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Portrait Lucie Vérot

Exposé de Gilles Boulan: LE CHEMIN DE LA MAISON

Traduction en allemand du français de la pièce de théâtre Le Chemin de la Maison de Gilles Boulan, © Édtions de l’aiguille 2013, ISBN 979-10-92143-01-0; Der Weg zum Haus © Wolfgang Barth, mars 2017 ; cession des droits 22.11.2018: KARL MAHNKE THEATERVERLAG Verden; EXPOSÉ de Gilles Boulan ("note d'intentions"), téléchargé le 11 février2020 

„La maison est plus belle
que le chemin de la maison.“
Mahmoud Darwish

Mahmoud Darwish 
© Photo et émission: Deutschlandfunk Kultur

 Le maison est plus belle que le chemin de la maison

C’est le titre attribué à un entretien de Mahmoud Darwich avec le poète syrien Nuri Jarrah. Publié dans La Palestine comme métaphore, cet entretien porte essentiellement sur la première visite de Mahmoud Darwich sur les lieux de son enfance après cinquante années d’éloignement.

S’y croisent les thèmes de l’exil, de la mémoire et de l’identité. Tous thèmes qui ont une résonance très forte dans la conscience palestinienne. Le poète palestinien les aborde sans aucun parti pris, sans violence et sans douleur ostensible. Il décrit des grandes joies et des petits plaisirs de son retour au pays (l’odeur du café à la cardamome, les roses du jardin de sa mère.. ) Il n’insiste pas sur ses regrets ni sur son amertume, ne s’arrête pas à décrire son village détruit et semble se contenter de vivre cette visite d’exception comme une heureuse parenthèse dans le cours de son existence. L’échange se termine par cette conclusion:  

Je dirai “Et  je m’endormirai dans ton nom”. Car j’ai besoin de sommeiller dans un nom, dans la chaleur qu’il laisse sur un oreiller.

Mahmoud Darwish – LaPalestine comme métaphore

Au delà de cet entretien, le projet de la pièce que je me propose d’écrire repose sur son titre: un discret aphorisme pour dire la formidable attente, la puissance du souvenir et les multiples difficultés associées au retour. Celles qui sont aujourd’hui au coeur des préoccupations du peuple palestinien et de son conflit avec Israël, celles qui ont habité hier les dizaines de milliers de juifs fuyant les pogroms et la barbarie nazie  tout comme celles qu’a pu rencontrer Ulysse au cours de son trop long voyage. Plus généralement, le chemin de la maison concerne tous les émigrés quelles que soient les raisons ou la durée de leur exil.

La Palestine

Le projet de la pièce prend également racine dans un important travail de lecture et de recherches dramaturgiques mené au sein du Panta Théâtre de Caen à l’occasion de son chantier-spectacle: La terre aux oliviers ! Ecrire la Palestine. Travail d’expérimentation présenté en mars 2005 et pour lequel deux pièces ont été commandées par la compagnie à Philippe Ducros et à Mohamed Kacimi.

L’objectif de ce travail était de réunir une documentation de matériaux de sources diverses (roman, théâtre, poésie, textes historiques, articles de presse…) et de tenter de dégager  une vision moins superficielle sur les origines du conflit, ses événements et ses acteurs. Cela pour aborder le travail de répétition avec un minimum de savoir historique et de références littéraires propres à alimenter la réflexion de l’équipe artistique et les enjeux-même du chantier.

 De cette fréquentation studieuse durant près d’une année d’une littérature abondante et diversifiée (palestinienne, israélienne et francophone…) sont nés tout à la fois le désir d’écrire une pièce et la conscience des difficultés (voire des risques) inhérents à ce projet d’écriture. Et ces recherches auront sans doute beaucoup moins éclairé les lacunes, les erreurs et les incompréhensions liées au conflit que contribué à initier une approche dramatique du sujet. Elles auront développé un premier élément de réponse à la question fondamentale: comment écrire sur un tel sujet? Comment rendre compte sur la scène d’un théâtre, d’une actualité aussi délicate, aussi brûlante, aussi complexe que la question palestinienne? Et qu’en dire sans tomber dans la partialité, dans le simplisme consensuel ou dans les lieux communs ?

 Les pièges sont nombreux, on le sait. Certains sont plus visibles: l’angélisme partisan et le manichéisme (immédiatement assimilé à l’antisémitisme), la naïveté indissociable de notre condition étrangère, l’exotisme à bon compte… D’autres sont plus pernicieux : le déterminisme politique, la démesure du sujet, la volonté de dégager malgré tout un sens général, le risque de se réduire, de faire triste, de faire pauvre… bridé par une compassion “correcte” dans un contexte qui l’est moins. Le tout sur fond de terrorisme, d’empreinte de la Shoah, de politique d’occupation et de manipulation religieuse.

Et puis comment trouver la dimension universelle de cette histoire enracinée dans un conflit localisé ? Comment trouver le juste écart avec une réalité impossible à décrire dans sa globalité et dans sa complexité ? Comment faire oeuvre de poète et non pas d’historien?  Quel théâtre politique inventer pour dire ça ? Parce qu’il s’agit de respecter l’un et de respecter l’autre sans faire impasse sur ses souffrances, sur ses erreurs et ses mensonges. De les respecter sans faiblesse, sans illusion, sans imposture. Même quand on a fait le choix d’être du côté des perdants.

Je prends le parti de Troie, car Troie est la victime. Mon éducation, ma manière d’être, mon expérience sont toutes celles d’une victime et mon conflit avec l’Autre tourne autour d’une seule question: qui de nous deux aujourd’hui, mérite le statut de victime ? J’ai souvent dit à l’Autre en plaisantant : Echangeons nos rôles. Vous êtes une victime victorieuse, hérissée de têtes nucléaires. Je suis une victime dominée, hérissée de têtes poétiques. Je ne sais si la suprématie poétique nous donnera une légitimité nationale.

Mahmoud Darwich- La Palestine comme métaphore

Le  retour

Le retour: voilà un thème universel qui trouve chez le peuple palestinien, une illustration, une intensité et une légitimité plus que symboliques dans la mesure où près de la moitié des Palestiniens vivent en dehors de leur terre natale, dans des conditions très souvent pénibles. De misère, d’insalubrité, d’absence de libertés. A l’exil qui en soi, est déjà une douleur, s’ajoutent le plus souvent les malheurs conjugués de la perte des racines, de la dispersion familiale et de la séparation avec les êtres chers. S’y ajoutent également les tracasseries diverses, les interdits professionnels, la perte d’identité (ce nom dans lequel sommeiller, respirer la chaleur qu’il laisse sur l’oreiller).

Ils ont fui leur pays au printemps 48, chassés par les massacres et les combats de la première guerre israelo-arabe. Ils n’ont emporté que peu de bagages, laissé le mobilier sur place: les bibelots, les photos, les tapis, les souvenirs… Ils ont tiré les rideaux et refermé la porte à clé. Certains de revenir, certains que les combats ne dureraient pas longtemps et que les frères arabes triompheraient très vite. Et ils ont conservé la clé. Depuis plus de cinquante ans, elle reste au fond de leur poche avec toute sa mémoire intacte: la maison, la couleur des murs, la disposition des chambres, les odeurs du jardin… Oui ! La maison est belle. Et ils ne rêvent qu’à la revoir, à y retourner. Avec la clé. A la faire jouer dans la serrure et retrouver un monde intact.

Le retour, c’est le rêve de ces milliers de Palestiniens victimes de la catastrophe (la Makba), réfugiés de la première heure comme des jours sombres de la défaite du mois de  juin 67. C’est surtout, et depuis toujours, le projet politique qui fédère leurs principales organisations. Le retour (Al Awda) : la réintégration d’une terre expropriée (la propriété des absents) qui leur tient lieu de mère à défaut de véritable patrie. Le retour comme une déclaration solennelle de leur propre existence, en tant que peuple, en tant qu’êtres humains.

Le chemin de la maison

Le retour, c’est enfin (à cause du temps qui passe et de la langue qui embellit, rend la maison encore plus belle) une mythologie, une légende quotidienne, une réponse à leur tragédie. Le chemin de la maison est sans doute pavé de bonnes intentions, il est surtout semé d’embûches. Mais où commence-t-il réellement ?

Jamais partis, jamais arrivés. (…) Chaque fois qu’ils disaient: Nous y sommes…, le premier d’entre eux dégringolait l’arc des commencements. Toi, le héros, laisse-nous que nous puissions te porter vers une autre fin. Périsse le commencement ! Toi, le héros ensanglanté des longs commencements, dis-nous, longtemps encore notre voyage ne sera que commencement ?

Mahmoud Darwich – Au dernier soir sur cette terre

La maison symbolique est la terre à reconquérir, une nation à construire… et une langue à enraciner. La langue se transmet comme la terre.

Victime pour victime, le réfugié palestinien partage avec les Troyens l’expérience douloureuse de la défaite, du massacre et de la destruction. Ce qui ne l’empêche pas de partager avec Ulysse, un plus grand nombre de points communs. Il est parti de chez lui depuis de trop nombreuses années et il dépérit dans un camp supposé provisoire, au pied d’une forteresse qui devient imprenable. Comme lui, il est hanté par l’obsession de son retour. Prêt à user de toutes les ruses, de toutes les stratégies, à recourir à toutes les violences, à édifier de dangereux chevaux mécaniques au ventre rempli d’explosif. Condamné à dégringoler de l’arc des commencements, sans passeport, sans identité administrative et sociale, il pourrait comme le héros de l’Odyssée choisir de s’appeler Nemo. Et le Cyclope ne le verrait pas, le tiendrait pour inexistant.

Gilles Boulan


Portrait: Gilles Boulan
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Exposé von Gilles Boulan: DER WEG ZUM HAUS

Gilles Boulan, Le Chemin de la maison,ISBN 979-10-92143-01-0 © éditions de l’Aiguille, 2013 ; Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche © Wolfgang Barth, Der Weg zum Haus, März 2017, KARL MAHNKE THEATERVERLAG; EXPOSÉ von Gilles Boulan ("note d'intentions"), übernommen am 11.02.2020 

„Das Haus ist schöner
als der Weg zum Haus.“
Mahmoud Darwish

Mahmoud Darwish 
© Foto und Sendung: Deutschlandfunk Kultur

 Das Haus ist schöner als der Weg zum Haus

 So lautet die Überschrift über ein Gespräch zwischen Mahmoud Darwish und dem syrischen Dichter Nuri Jarrah. Es wurde in Palästina als Metapher veröffentlicht und befasst sich im Wesentlichen mit der ersten Reise Mahmoud Darwishs nach fünfzig Jahren Abwesenheit zu den Orten seiner Kindheit.

In der Unterhaltung überlagern sich die Themen Exil, Erinnerung und Identität. Sie spielen für das palästinensische Bewusstsein eine außergewöhnliche Rolle. Der palästinensische Dichter spricht über sie ohne jede Parteinahme, er wird nicht heftig, zeigt nicht seinen Schmerz. Er berichtet von den großen und kleinen Freuden bei der Rückkehr in seine Heimat (vom Duft des Kardamom-Kaffees, von den Rosen im Garten seiner Mutter…), gibt Trauer um Verlust oder Verbitterung keinen Raum, belässt es nicht bei der Beschreibung seines zerstörten Dorfes. Man gewinnt den Eindruck, dass er diesen außergewöhnlichen Besuch einfach wie einen beglückenden Teilabschnitt seiner Existenz erlebt. Das Gespräch über Palästina endet mit der Schlussfolgerung:  

Ich werde sagen Und in deinem Namen werde ich einschlafen. Denn mein Schlaf muss sich in einen Namen hüllen, in die Wärme, die er auf einem Kopfkissen hinterlässt.

Mahmoud Darwish – Palästina als Metapher

Neben diesem Gespräch liegt eine weitere Begründung für das Stück in seinem Titel: Der zurückhaltende Aphorismus enthält die unglaubliche Erwartungshaltung, die Macht der Erinnerung und die vielfältigen Schwierigkeiten, die mit einer solchen Heimkehr verbunden sind. Diese Aspekte bestimmen heute insgesamt das Denken des palästinensischen Volkes und den Konflikt mit Israel, so wie sie vordem Zehntausende von Juden auf der Flucht vor den Pogromen der Nazibarbarei erfuhren, und auch Odysseus muss ihnen im Verlauf seiner langen Reise begegnet sein. Allgemein haben es alle Emigranten mit dem Weg zum Haus zu tun, welches auch immer die Gründe ihres Exils und seine Dauer sein mögen.

Palästina

Der Plan, das Stück zu schreiben, erwuchs auch aus einer umfangreichen Lektürearbeit und Theaterforschung am Panta Theater in Caen anlässlich des Theater-Workshops Das Land der Olivenbäume: Schreiben über Palästina. Die Ergebnisse dieses Arbeitsexperiments wurden im März 2005 vorgelegt und es entstanden auf Bestellung des Theaterensembles von Philippe Ducros und Mohamed Kacimi zwei Stücke.

Ziel der Arbeit war die Erstellung einer Materialsammlung aus unterschiedlichen Quellen (Roman, Theater, Lyrik, historische Texte, Presseartikel…). Sie sollte einen weniger oberflächlichen Blick auf die Ursprünge des Konflikts, die einzelnen Ereignisse und die Akteure erlauben. Die Theaterproben sollten auf der Basis eines gewissen historischen Wissens und literarischer Kenntnisse erfolgen, die Überlegungen des Theaterteams und der Gegenstand des Seminars selbst dadurch befördert werden.

Aus dieser regelmäßigen und arbeitsintensiven Beschäftigung über fast ein Jahr mit der reichen und vielseitigen palästinensischen, israelischen und frankophonen Literatur ergab sich sowohl der Wunsch, ein Stück zu schreiben, als auch das Wissen um die mit einem solchen Projekt verbundenen Schwierigkeiten und sogar Risiken. Die Grundlagenarbeit hat vielleicht weniger dazu beigetragen, Wissenslücken, Irrtümer und Verständnismängel im Zusammenhangmit dem Konflikt zu beseitigen. Es gelang aber der Anfang einer Annäherung an dieses Thema mit den Mitteln des Theaters. Eine erste Antwort auf die grundlegende Frage, wie man über ein solches Thema schreiben kann. Wie eine Theaterbühne eine derart schwierige, aktuell drängende und komplexe Problematik wie die Palästina-Frage darzustellen vermag. Wie dies geschehen soll, ohne der Parteilichkeit, dem vereinfachenden Konsens oder dem Stammtischniveau zu verfallen.

Es gibt viele Fallen, das ist bekannt. Oft begegnet man Merkmalen parteiischer Gutgläubigkeit, unmittelbar mit Antisemitismus verknüpften, manichäistischen Schwarz-Weiß-Denkens, auf unserem Ausländerstatus beruhender Naivität und des wohlfeilen Exotismus… Andere sind noch schädlicher: Politischer Determinismus, thematische Übertreibung, der Wille, auf Biegen und Brechen einen allgemeinen Sinn zu finden, das Risiko, sich selbst herabzuwürdigen, traurig und arm auszusehen… Befangenheit in politisch „korrektem“ Mitleid in einem realen Kontext, der Mitleid kaum kennt. Den Hintergrund bilden Terrorismus, Versatzstücke aus dem Holocaust, die Siedlungspolitik und religiöse Absichten.

Und wie soll man dieser in einem lokalen Konflikt verwurzelten Historie eine universelle Dimension abgewinnen? Wie den korrekten Abstand zu einer in ihrer Globalität und Komplexität unmöglich zu beschreibenden Wirklichkeit wahren? Und dabei ein dichterisches Werk verfassen und kein historisches Traktat? Wie soll das politische Theater aussehen, das dem entspricht? Es muss der Dichtung und der Geschichte gerecht werden, darf kein Leid, keine Fehler und Lügen übergehen und Schwäche, Illusion und Täuschung nicht zulassen. Auch wenn man entschieden hat, auf der Seite der Verlierer zu stehen.

Ich stehe auf Seiten Trojas, denn Troja ist der Verlierer. Meine Erziehung, meine ganze Lebensweise, meine ganze Erfahrung sind die eines Verlierers und meine Auseinandersetzung mit dem Anderen dreht sich um eine einzige Frage: Wer von uns beiden nimmt heute zu Recht den Opferstatus in Anspruch? Im Scherz sagte ich dem Anderen: Lass uns die Rollen tauschen. Ihr seid die siegreichen, mit Atomsprengköpfen bestückten Opfer. Ich bin ein unterworfenes, mit Sprengköpfen der Poesie bestücktes Opfer. Ich weiß nicht, ob unsere poetische Überlegenheit uns zur Anerkennung als Staat führer wird.

Mahmoud Darwish – Palästina als Metapher

Die Rückkehr

Die Rückkehr ist ein universelles Thema. Es findet im palästinensischen Volk mehr als symbolische Illustration, Intensität und Legitimität, weil fast die Hälfte der Palästinenser außerhalb des Geburtslandes unter oft sehr schlechten Bedingungen lebt. Unter elenden, ungesunden Bedingungen, ohne Rechte. Das Exil bedeutet schon für sich genommen Leid. Hinzu kommt das Unglück, die Wurzeln verloren zu haben, in einer weit verstreuten Familie und in Trennung von den geliebten Menschen zu leben. Dann weitere Beeinträchtigungen, Berufsverbote, der Verlust der Identität (jenes Namens, in den sich der Schlaf hüllen, dessen auf dem Kopfkissen hinterlassene Wärme er spüren möchte).

Vertrieben durch die Massaker und Kämpfe des ersten israelisch-arabischen Krieges flohen sie im Frühjahr 1948 aus ihrem Land. Sie nahmen nur wenig Gepäck mit, ließen die Möbel zurück, die Nippes, Fotos, Teppiche, Erinnerungen… Sie zogen die Vorhänge zu und schlossen die Tür ab. Sie würden mit Sicherheit zurückkommen, die Kämpfe würden nicht lange andauern, die arabischen Brüder schnell den Krieg gewinnen. Und sie hoben gut den Schlüssel auf. Seit mehr als fünfzig Jahren tragen sie ihn tief in der Hosentasche und mit ihm all die unbeschädigten Erinnerungen: Das Haus, die Farbe der Wände, die Lage der Zimmer, die Düfte des Gartens… Ja!  Das Haus ist schön. Und sie träumen davon, es wiederzusehen, nach Hause zu kommen. Mit dem Schlüssel. Ihn im Schloss umzudrehen und eine intakte Welt wiederzufinden.

Die Rückkehr ist der Traum der vielen Tausend Opfer derKatastrophe (Makba), Traum der Flüchtlinge der ersten Stunde und jener der düsteren Tage der Niederlage im Juni 1967. Sie ist vor allem und von jeher das politische Ziel, das die wichtigsten palästinensischen Organisationen zusammenhält. Die Rückkehr (Al Awda) bedeutet die Wiederinbesitznahme des enteigneten Landes (des Eigentums der Abwesenden), das in Ermangelung einer wirklichen Heimat die Rolle der Mutter innehat. Die Rückkehr ist wie die feierliche Erklärung der eigenen Existenz als Volk und als menschliche Gemeinschaft.

Der Weg zum Haus

Die Rückkehr erlangt schließlich (wegen der dahinschreitenden Zeit und der Sprache, die alles und auch das Haus verklärt) eine mythologische Dimension, wird zur täglichen Legende, zur Antwort auf die erlebte Tragödie. Der Weg zum Haus ist sicherlich mit guten Vorsätzen gepflastert, besonders aber von Hindernissen übersät. Aber wo beginnt er wirklich?

Nie weggegangen, nie angekommen. (…) Jedes Mal wenn sie sagten: Jetzt sind wir soweit…, fiel der erste von ihnen durch den Torbogen der Aufbrüche. Du, Held, lass uns in Frieden, damit wir dich zu einem anderen Ziel tragen können. Der Aufbruch möge zu Grunde gehen! Du, blutiger Held der immer neuen Aufbrüche, sag uns, wird denn unsere Reise noch lange Zeit immer nur ein Aufbruch sein?

Mahmoud Darwish – Am letzten Abend auf dieser Erde

Das Haus ist Symbol für das wiederzuerobernde Land, den Staat, den es aufzubauen gilt, und für eine Sprache, die Wurzeln schlagen muss. Die Sprache wird wie das Land von Generation zu Generation weitergegeben.

Der palästinensische Flüchtling teilt, Opfer um Opfer, mit den Trojanern die schmerzhafte Erfahrung der Niederlage, des Massakers und der Zerstörung. Aber noch mehr hat er mit Odysseus gemeinsam. Er hat seine Heimat vor schon zu vielen Jahren verlassen und verkümmert in einem Lager, das provisorisch sein sollte, vor einer Festung, die sich als uneinnehmbar herausstellt. Wie Odysseus ist er vom Gedanken an die Heimkehr besessen. Bereit, auf jede List, jede Strategie, jedwede Gewalt zurückzugreifen, gefährliche künstliche Pferde mit von Sprengstoff gefülltem Bauch zu bauen. Verdammt, durch den Torbogen der Aufbrüche zu fallen, ohne Pass, ohne administrative und soziale Identität könnte er wie Odysseus beschließen, sich Niemand zu nennen. Dann würde ihn der Zyklop nicht sehen, würde glauben, dass es ihn nicht gibt.

Text: Gilles Boulan
Übersetzung Wolfgang Barth, April 2017

Portrait: Gilles Boulan
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12.03.2019: Topaze im „kleinsten Theater der Welt“

Die Deutsch-französische Gesellschaft Bremen (DFG) hatte für den 12.03.2019 zur Lesung aus dem Stück Topaze von Marcel Pagnol (MONS Verlag, Übersetzung Wolfgang Barth) in den Bremer Literaturkeller (das „kleinste Theater der Welt“) eingeladen.

Die 20 Plätze waren mit Mitgliedern und Freunden der DFG vollständig besetzt. Bénédicte Barth, die Vorsitzende der DFG Bremen, eröffnete den Abend. Benedikt Vermeer (Theatergründer, Direktor und Schauspieler), Caroline Zinsser und Dr. Peter Hinrichs stellten in einer eindrucksvollen Lesung das Stück vor, über das im Anschluss engagiert diskutiert wurde.

Die Hauptakteure des Abends: Herr Benedikt Vermeer, Caroline Zinsser, Dr. Peter Hinrichs.

Ich danke Herrn Vermeer, der die Gäste begeisternd durch das Theaterstück führte, und Caroline Zinsser und Peter Hinrichs für die wunderbare Lesung. Herzlichen Dank auch an die DFG für die Organisation dieses schönen Abends.

Herr Benedikt Vermeer in seinem außergewöhnlichen Theater.
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